Kalte Macht - Thriller

Kalte Macht - Thriller

 

 

 

von: Jan Faber

dotbooks GmbH, 2018

ISBN: 9783961487110

Sprache: Deutsch

451 Seiten, Download: 1017 KB

 
Format:  EPUB

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Wieder verfügbar ab: 13.10.2019 21:56

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Kalte Macht - Thriller



Kapitel 2


War es wirklich ihre eigene Vereidigung, die Natascha Eusterbeck hier erlebte? Oder war es in Wirklichkeit die ihres Mannes, nur dass dieser keinen Eid zu schwören hatte? Unter normalen Umständen hätte sie weiche Knie gehabt, als sie vor der Kanzlerin stand, die schon die Ernennungsurkunde in der Hand hielt. So aber hatte sie das Gefühl, als schwebe sie über der Szenerie und betrachte das alles von außen oder von oben, jedenfalls entfernt von sich selbst – mit Blick auf die Anwesenden: außer der Kanzlerin der Kanzleramtsminister, Staatsministerin Wende, mehrere Abteilungs- und Referatsleiter, ein Fotograf – wobei sie nicht wusste, ob er ein Vertreter der Presse war oder ein Mitarbeiter des Kanzler- oder des Bundespresseamts. Letzteres war vertreten durch David Berg und zwei seiner Assistenten. Dazu die Büroleiterin und der persönliche Referent der Kanzlerin. Nataschas Sekretärin. Und eine Handvoll Büromenschen, die sie nicht zuordnen konnte. Sie alle hatten sich in der Nähe der Tür aufgestellt, zweifellos um nach der Zeremonie rasch wieder zum Tagesgeschäft übergehen zu können. Für Natascha Eusterbeck freilich wirkte es, als wollten sie ihr den Fluchtweg abschneiden. Eine Armee von Kanzleramtszombies. Zumindest würde es ihr später so vorkommen. In ihrer Erinnerung würde ihr diese Stunde immer wie eine Hommage an den Eagles-Song »Hotel California« erscheinen. They stab it with their steely knifes, but they just can't kill the beast.

Der Eid ging so automatisch, dass Natascha sich seiner erst bewusst wurde, nachdem sie ihn geleistet hatte. Die Kanzlerin reichte ihr die Hand und dann die Urkunde. »Schön«, sagte sie. »Das hätten wir also erledigt. Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg in Ihrem neuen Amt.« Zu den anderen gewandt erklärte sie: »Bitte unterstützen Sie unsere junge Kollegin, wo und wie Sie können. Sie hat es verdient.«

»Danke, Frau Bundeskanzlerin.« Natascha drehte sich zu dem professionell lächelnden Publikum um. Sie musterten sie alle. Vermutlich hatte sie glühende Wangen, vielleicht auch feuchte Augen. Egal, sie alle hatten einmal am Anfang gestanden, und es war ihnen nicht anders ergangen. Oder vielleicht ja doch. Vielleicht hatten sie alle ihre Ämter sehr viel unbefangener angetreten als Natascha Eusterbeck, deren unruhige Augen sinnlos Henrik suchten, von dem sie doch wusste, dass er nicht da war. Er war gemeint gewesen. Und hatte die Kanzlerin ihr nicht einen Blick hinter dem offiziellen Blick zugeworfen? Einen Blick für die inoffiziellen Aufgaben? Hatte sie ihre Hand nicht einen winzigen Moment zu lange gedrückt? Nicht einen fast unmerklichen Unterton in ihrer Stimme gehabt, einen Ton, den nur eine Eingeweihte hören und verstehen konnte?

Es folgten die Hintersassen. Kanzleramtsminister Steiner drückte ihr die Hand. Staatssekretärin Wende, David Berg, die Leiter der Abteilungen Inneres und Sicherheit, deren Namen sich Natascha noch nicht gemerkt hatte. Der persönliche Referent der Kanzlerin, Bernhard Bauer ... Man wünschte ihr Glück, freute sich mit ihr. Irgendwer hielt ihr plötzlich ein Glas Sekt oder Champagner vor die Nase, es wurde angestoßen. Ihr fiel auf, dass niemand trank, man stellte die Gläser unauffällig wieder weg, nachdem man sie routinemäßig erhoben hatte. Dann verlief sich die Gesellschaft. »Ja, also«, sagte die Kanzlerin. »Alles Gute noch mal.« Das hieß: Nun bitte an die Arbeit und raus aus meinem Büro.

»Willkommen im Hotel California«, raunte jemand Natascha ins Ohr. Es war David Berg, der so schnell vorüber war, dass sie gar nicht mehr antworten oder nachfragen konnte. Er zwinkerte ihr zu und hob die Hand noch einmal zum Gruß. Dann war er weg, und Natascha Eusterbeck knipste im Kopf ein Foto von sich auf dem taubengrauen Flur im siebten Stock des Bundeskanzleramts, vor dem Büro der Chefin – und weit weg von Henrik, dem zumindest ein Teil der Zeremonie gegolten hatte. Möglicherweise der größere Teil. You can check out any time you like, but you can never leave!

***

»Ich bin so stolz auf dich.«

»Danke, Papa.« Mein Gott, er klang so alt. Dabei war er noch keine siebzig. Aber seit Mama gestorben war, konnte man ihm praktisch beim Altern zusehen. Natascha hatte das Gefühl, sein Leben zerrinne in ihren Händen. »Kann ich heute Abend vorbeikommen?«

»Aber natürlich! Ich freue mich doch, wenn du deinen alten Herrn mal wieder besuchst!«

»Es könnte aber spät werden.«

»Kein Problem. Ich kann mir vorstellen, dass du nicht um fünf Uhr Feierabend machst.« Dass er sich das sehr gut vorstellen konnte, lag auf der Hand – Wolfhardt Lippold war schließlich selbst einmal Referent gewesen, damals in Brüssel, als die EU noch jung war und alles sich im Aufbau befunden hatte. Damals hatte er noch mit dem Posten eines Europaabgeordneten geliebäugelt. Bis man ihm das deutsche Konsulat in Zürich angeboten hatte und später das in Alexandria. Dann das Ressort für Wirtschaftsbeziehungen im Außenamt. Noch in Bonn. Dass er nicht Minister geworden war, hatten zwei schwere Herzinfarkte verhindert – und die Krebserkrankung seiner Frau. Zuerst hatte sie sich für ihn aufgeopfert, dann er sich für sie. Und nun lebte er allein in dem alten Haus in Braunschweig, und Natascha gelang es nicht, ihn zu überreden, nach Berlin zu ziehen, damit sie in seiner Nähe sein konnte. »Du musst dich um dein Leben kümmern, Kind«, sagte er immer, wenn sie ihn darauf ansprach. »Ich kümmere mich um meines.«

Sie hatte Henrik das gemeinsame Essen im Gianni's abgesagt. Zum zweiten Mal. Sie würden es am Wochenende nachholen. Hoffentlich. Und also saß sie – noch später, als sie selbst es erwartet hatte – am Steuer ihres alten Peugeots und zwang die Nadel auf dem Tachometer in ungeahnte Bereiche. Zu ihrer eigenen Überraschung war sie nicht müde. Immer noch pumpte ihr Blut so viel Adrenalin durch ihre Adern, dass sie wie in einem Rauschzustand durch die Nacht flog.

Kurz vor Mitternacht bog sie in den kleinen Waldweg ein, der zum Häuschen ein Stück abseits der Straße führte. Es brannte noch Licht. Als sie ausstieg, konnte sie sogar den Schatten ihres Vaters erkennen, der in der Küche saß und vermutlich Zeitung las. Sie sperrte den Wagen ab und ging zur Haustür, die sich öffnete, kaum dass sie den Fuß auf die Treppe gesetzt hatte. »Du hast mich gehört!«

»Die Ohren funktionieren noch ganz gut«, sagte ihr Vater und nahm sie in die Arme. Über seine Schulter drang ihr der Duft ihres Elternhauses in ihre Nase. Ein wohliges Gefühl rieselte durch ihren Körper. »Hallo, Papa.« Sie küsste ihn auf die Wange, dann hakte sie sich unter, und sie gingen ins Haus.

»Hast du schon gegessen?«

»Gegessen?« Gute Frage. Natascha wusste es nicht. Wann hatte sie zuletzt gegessen?

»Ich könnte uns ein paar Rühreier machen.«

»Gute Idee.« Rührei. Das Einzige, was ihr Vater jemals hatte zubereiten können. Natascha fragte sich, was er eigentlich aß, wenn er allein war. Auch Rührei? Oder ging er zum Essen? Natascha beobachtete ihn, wie er eine Pfanne aus dem Schrank nahm, etwas Butter hineingab und eine Schachtel mit Eiern aus dem Kühlschrank holte. Umständlich schlug er ein Ei in die Pfanne. Das zweite ging halb daneben. Das dritte fiel ihm aus der Hand, ehe er es über der Pfanne hatte. Er stellte sich so, dass Natascha es nicht sehen konnte, und versuchte unauffällig, das Malheur mit Küchentüchern wegzuwischen, während er Belangloses erzählte und sich nach der Fahrt und dem Verkehr erkundigte. Aber er konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Zittern sehr viel stärker geworden war. Ein viertes Ei fiel mit der Schale in die Pfanne. »Soll ich uns ein Bier holen?«, fragte Natascha, die ihm die Peinlichkeit ersparen wollte, noch länger zuzusehen.

»Du trinkst Bier?«

»Ich glaube, das würde mir nach dem Tag guttun.«

»Gern. Du weißt ja, wo es ist.«

»Klar.« Sie verließ die Küche, ehe die Tränen ihr in die Augen schossen. Am Fuß der Kellertreppe musste sie einen Moment innehalten. Als sie sich beruhigt hatte, stieg sie hinab, holte zwei Flaschen Bier, fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht, atmete durch und ging wieder in die Küche. »Machst du mal das Bier auf, dann bringe ich das hier schnell zu Ende?«, sagte sie und schob ihren Vater sanft vom Herd, nahm zwei Teller, Besteck, teilte das Rührei auf, gab noch etwas Salz und Pfeffer dazu und stellte dann alles auf den Tisch. Das Leben alter Menschen reduzierte sich oft auf Küche und Schlafzimmer. Das war ihr schon bei ihrer Großmutter aufgefallen, die einst dieses Haus bewohnt hatte. Auch sie hatte immer, wenn sie zu Besuch gekommen waren, am Küchentisch gesessen, während das Wohnzimmer schattig und ungemütlich war – und im Winter schlecht geheizt.

»Jetzt erzähl mal, Kindchen. Wie waren deine ersten Tage im Amt?«

Tja, wo sollte sie anfangen? »Es ist natürlich alles unglaublich aufregend«, sagte sie zögernd. »Plötzlich bist du mittendrin. Im Zentrum der Macht sozusagen.« Ihr Vater nickte und blickte sie mit seinen dunklen Augen ganz tief an. Er weiß es, dachte Natascha. Natürlich weiß er es. Er weiß, dass so ein Job immer einen Haken hat. Er wird sich bloß nicht vorstellen können, wie groß der Haken ist. »Ich habe eine Menge interessanter Leute kennengelernt, zum Teil ist die Atmosphäre richtig nett.«

»Zum Teil?«

»Na ja, es gibt natürlich auch solche, die nicht so nett sind.«

»Das ist die Mehrzahl. Die gibt es überall. Du weißt, dass du manchmal ziemlich lange brauchst, bis du sie alle identifiziert hast?«

Natascha nickte. Sie war kein Küken. Das kannte sie auch aus der Staatskanzlei. »Als Sekretärin muss ich mir auf jeden Fall noch jemand anders...

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