Die verlorene Schwester - Roman

Die verlorene Schwester - Roman

 

 

 

von: Linda Winterberg

Aufbau Verlag, 2018

ISBN: 9783841216076

Sprache: Deutsch

448 Seiten, Download: 3930 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die verlorene Schwester - Roman



Kapitel 2


BERN, OKTOBER 1969

Lena lief neben ihrer Freundin Franzi und streckte ihre Nase der Sonne entgegen. Allzu lange würde diese wohl nicht mehr scheinen. Eine dicke Wolkenwand am Horizont kündigte Regen an. Die beiden Mädchen waren auf dem Rückweg vom Bärenplatz, wo Franzis Vater einen Kiosk hatte. Franzi brachte ihm jeden Tag um zwei seine Mittagssuppe, wobei Lena sie häufig begleitete. Franzis Vater, ein rundlicher Mann mit Nickelbrille, schenkte den Mädchen oft ein Karamellbonbon, manchmal sogar bunte Aufkleber oder ein Comic-Heft der letzten Woche. Heute war einer dieser Tage gewesen. Zwei Comic-Hefte hatte er Lena geschenkt, eines für sie und eines für ihre Schwester Marie. Dazu zwei Karamellbonbons, von denen eines gerade auf Lenas Zunge zerging. Lena gefiel der Zeitungskiosk, der mit seinen vielen Zeitungen und Illustrierten so schön bunt war. Sie mochte auch die Tauben, die auf dem Dach des runden Häuschens saßen und gurrten. Franzis Vater hingegen nannte die Vögel »Ratten der Lüfte« und scheuchte sie fort, da sie ihm auf die Zeitungen machten und ihm das Geschäft im wahrsten Sinne des Wortes versauten. Der Verkaufsstand war schon lange in Familienbesitz. Vermutlich würde auch Karl, Franzis Bruder, Zeitungen verkaufen, weshalb seine Schwester neidisch auf ihn war, die das Geschäft selbst gern weitergeführt hätte. Aber innerhalb der Familie Gruber wurde der Kiosk nur an Männer weitergegeben. Allerdings fand Karl, der einige Jahre älter als Franzi war, die Aussicht, Zeitungen zu verkaufen, völlig uninteressant. Er schraubte lieber an Autos herum und hasste es, wenn er im Geschäft helfen musste. Franzi hoffte darauf, dass ihr Vater doch noch ein Einsehen hätte und ihr den Kiosk überließe. Allerdings war sie genau wie Lena erst elf Jahre alt, und es würde noch viel Wasser die Aare hinunterlaufen, bis es so weit wäre, und die beiden Mädchen hatten ein anderes Thema.

»Im Bäckerladen reden sie über dich und Marie«, sagte Franzi. »Die Stellmacherin und die Großackerin. Sie sagten, dass was passieren muss und es so nicht weitergehen kann. Ihr würdet verwahrlosen. Und andere Frauen würden auch ihren Mann verlieren und sich nicht so anstellen.«

»Sollen sie doch reden«, antwortete Lena und reckte das Kinn nach vorn. »Mama geht es schon viel besser.« Franzi warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, der alles sagte. »Na gut. Fast besser«, gab sie zu. »Aber gestern hat sie Marie immerhin angelächelt, als sie ihr die Suppe brachte.«

»Aber sie redet noch immer nicht, oder?«, fragte Franzi.

Lena schüttelte den Kopf und spürte einen Kloß im Hals. Gleich würde sie heulen, und das wollte sie nicht. Niemand sollte wissen, wie verzweifelt sie war. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr war ihr Leben ein anderes geworden. Ihre Mutter hatte sich sehr verändert. Sie redete nicht mehr, schlich wie ein Geist durchs Haus und kümmerte sich um nichts. Es schien, als wäre sie mit Papa gestorben. Ihre Schwester Marie meinte, die Traurigkeit der Mutter würde gewiss enden und bald schon würde sie sich wieder um ihre beiden Töchter kümmern. Lena wollte so gern daran glauben, doch besonders in der letzten Zeit zweifelte sie immer häufiger daran. Und der Bericht ihrer Freundin befeuerte ihre Ängste noch mehr. Kinder, die verwahrlosten, kamen ins Heim und wurden verdingt. Das wusste Lena von Martin aus der Nachbarschaft, der hatte einen Freund, der im Heim gewesen war und nun bei Martins Vater im Laden arbeitete und bei ihnen wohnte. Sein Name war Simon, und seine Mutter war eine Hure, jedenfalls sagte Martin das. Und damit Simon nicht verwahrloste, sei er ins Heim gekommen und wurde verdingt, wie man es nannte, wenn die Heimkinder arbeiten gingen.

Aber Lenas Mutter war keine Hure, und sie verwahrlosten auch nicht.

»Die Stellmacherin soll mal schön still sein, das alte Tratschweib«, sagte Lena. »Ständig hat sie bei uns anschreiben lassen, und nicht nur einmal hat Papa nachfragen müssen, wo das Geld bleibt. Einmal war er deswegen schon so wütend, dass er gesagt hat, er würde sie nicht mehr bedienen.«

»Das stimmt«, meinte Franzi. »Im Anschreibenlassen ist sie gut. Das macht sie bei uns auch immer. Aber mir gefällt nicht, dass die Nachbarn reden. Am Ende melden sie euch noch der Fürsorge.«

»Und dann?«, entgegnete Lena trotzig. »Wir werden ihnen sagen, dass es uns gutgeht. Mama ist nur traurig, mehr nicht. Wir sind keine Waisen und verwahrlost auch nicht. Ich hab jeden Tag ein sauberes Kleid an, und Marie kocht für uns.«

»Und was ist mit dem Geld?«, fragte Franzi vorsichtig.

»Was soll damit sein?«, antwortete Lena. »Es ist in der Keksdose in der Küche.«

»Und du denkst, da gehört es hin?«

»Wieso nicht? Marie meint, da ist es besser aufgehoben als in der Ladenkasse. Am Ende bricht noch einer ein und klaut es. So ist es schon in Ordnung. Bis in unsere Küche kommt gewiss kein Dieb.«

»Aber um das Geld sollte sich doch deine Mama kümmern. Sie ist doch die Erwachsene.«

»Das tut sie ja auch«, log Lena und vermied es, Franzi anzusehen, die es zu schnell bemerkte, wenn sie log, und die nun mit einem tiefen Seufzer antwortete.

Sie erreichten den Hinterhof, in dem Lenas Zuhause lag. Die beiden verabschiedeten sich voneinander mit dem Versprechen, am nächsten Morgen gemeinsam zur Schule zu gehen. Lena betrat den Innenhof, in dessen Mitte eine große Linde stand, die etwas Grün in den ansonsten schmucklosen Hof zauberte, mit ihren ausladenden Zweigen allerdings auch das Licht in den Wohnungen raubte, weshalb schon öfter darüber diskutiert worden war, sie zu fällen. Getraut hatte sich das bisher jedoch niemand, dafür war der Baum einfach zu schön. Ihr Elternhaus war ein schmales Gebäude, das eingezwängt zwischen einer Lagerhalle und einem Mietshaus lag. Im Untergeschoss war der Laden ihres Vaters, darüber die Wohnung. Im Hof gab es auch noch eine Änderungsschneiderei, die ein Italiener führte. Antonio Flioretti war ein alter Herr, dem seine Tochter zur Hand ging. Sie wohnten ebenfalls in der Wohnung über ihrem Laden und waren eher stille Leute. Als Lena an der Schneiderei vorüberging, stand Antonio wie so oft mit einer Zigarette in der Hand davor. Sie grüßte freundlich, erhielt jedoch nur ein Kopfnicken zur Antwort, was sie gewohnt war.

Der Laden im Untergeschoss ihres Elternhauses, in dem früher die Schusterei ihres Vaters gewesen war, stand jetzt leer, und die undekorierten Schaufenster sahen trostlos aus. Das Schild über dem Eingang war geblieben: Schuster Flaucher. An der Tür hing noch das Schild mit den Öffnungszeiten. Jeden Tag von acht bis vier. Von zwölf bis eins war Mittag. Lena betrat den Laden. Wie immer läutete die Glocke über der Tür. Doch einen Kunden würde sie niemals wieder ankündigen. Sie lief durch das leere Geschäft zur Hintertür. Als sie diese öffnete, hörte sie Maries Stimme. Ihre Schwester schimpfte laut, was noch nie vorgekommen war. Marie war ein starker Mensch, doch sie wählte eher die leisen Töne. Lena lief die Treppe nach oben und betrat die Wohnung. Maries Stimme kam aus der Wohnstube. Lena blieb in der Tür stehen. Marie schien das Auftauchen ihrer Schwester nicht zu bemerken, denn sie schimpfte weiter. Vor ihr saß ihre Mutter wie gewohnt in dem Lehnstuhl am Fenster. Marie hielt ein Stück Papier in die Höhe.

»Jetzt hör auf, verdammt noch mal. Es ist genug. Sieh es dir an. Sie kommen uns holen, weil sie denken, wir würden verwahrlosen. Sie denken, wir wären arm. Verstehst du! Sie wollen uns von dir wegnehmen. Wach verdammt noch mal auf, und komm zu dir.« Sie beugte sich über ihre Mutter und rüttelte an ihren Schultern. »Rede endlich wieder. Schlag mich, schrei mich an, tu doch nur irgendwas!« Ihre Mutter reagierte nicht. Marie ließ sie los, und ihr Blick fiel auf Lena.

»Es ist vorbei«, sagte sie. »Hier drin steht es. Sie werden kommen und uns holen.« Sie schüttelte den Kopf, warf das Papier in den Schoß ihrer Mutter und ging ohne ein weiteres Wort aus dem Raum. Lena hörte ihre Schritte auf der Treppe. Sie ahnte, wohin Marie gehen würde. In den Laden, wo sie immer hinging, wenn sie allein sein wollte. Sie folgte ihrer Schwester nicht, sondern trat neben ihre Mutter, nahm das Schreiben vom Amt aus ihrem Schoß und überflog die mit Schreibmaschine geschriebenen Zeilen. Verwahrlosung  … Fürsorgepflicht obliegt dem Amt  … Obhut der Behörden. Die Worte sprangen vor ihren Augen auf und ab, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Sie dachte an Franzis Worte. Das Gerede der Leute. Die Großackerin und die Stellmacherin, ihnen traute Lena zu, dass sie das Amt eingeschaltet hatten. Oder war es tatsächlich Franzis Mutter gewesen? In der letzten Zeit hatte sie immer wieder gefragt, wie es zu Hause ginge.

»Rede doch wieder«, sagte sie zu ihrer Mutter. »Tu etwas. Ich vermisse ihn auch, weißt du. Aber wir sind noch da. Wir brauchen dich. Es muss doch weitergehen.« Lena suchte den Augenkontakt mit ihrer Mutter, doch diese reagierte nicht. Ihr Blick blieb teilnahmslos wie immer in letzter Zeit. Als wäre sie in einer anderen Welt, zu der sie keinen Zugang fanden. Lena schüttelte den Kopf, legte den Brief vom Amt zurück in den Schoß ihrer Mutter und verließ den Raum.

Lina Flaucher hörte, wie eine Tür laut zugeschlagen wurde, vermutlich die des Mädchenzimmers. Lena und Marie waren wütend auf sie, und das zu Recht. Sie musste aufstehen und sich bewegen. Sie musste ihn endlich gehen lassen und sich dem Leben ohne ihn stellen. Doch es fiel ihr so schwer, ohne ihn schien ihr alles sinnlos. Ihr Blick wanderte zu dem...

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