Die Namen der Toten - Kriminalroman

Die Namen der Toten - Kriminalroman

 

 

 

von: Sarah Bailey

Penguin Verlag, 2018

ISBN: 9783641218935

Sprache: Deutsch

464 Seiten, Download: 4170 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Die Namen der Toten - Kriminalroman



2

Ostermontag, abends

BIST DU HIER?? :D

Die Nachricht war die vierte, die Cherry ihm geschickt hatte. Richard Vega stand jetzt seit zwanzig Minuten draußen vor dem Musikclub, konnte sich aber nicht dazu aufraffen, hineinzugehen und ihr Gesellschaft zu leisten, noch nicht. Er würde warten, bis er sie spielen hörte, und dann erst hinaufgehen.

Der kleine Laden lag im ersten Stock eines Gebäudes mit einer georgianischen Säulenreihe. Er hatte einen unebenen Holzboden, eine schwer zugängliche Bar und kleine, dunkle Nischen, die durch zusätzliche Wände zwischen den tragenden Balken entstanden waren. Die Akustik war fragwürdig, und es war grundsätzlich gerammelt voll und heiß. Er hatte nicht wirklich Platzangst, er mochte einfach keine drängelnden Menschenmassen.

Nein, hier draußen gefiel es ihm besser. Zwischen den Bögen konnte er mehr Beobachter als Teilnehmer sein. Er zog seine Lederjacke enger um die Schultern und nahm einen Zug an seiner Selbstgedrehten.

Es war das Osterwochenende im wohlhabenden Kurort Royal Tunbridge Wells. Die Linden an der Kurpromenade The Pantiles waren mit Lichterketten geschmückt und die Pubs und Restaurants mit ihren prächtigen Fassaden hell erleuchtet. Die Gerüche und die Gespräche schwappten hinaus auf die gepflasterte Straße.

Die Temperatur lag nur knapp über dem Gefrierpunkt, aber The Pantiles war trotzdem voller junger Menschen, die das Geld ihrer Eltern unter die Leute bringen und richtig Dampf ablassen wollten. Und sei es auch nur für eine Nacht.

Vegas Blicke folgten dem Schauspiel, wobei er die Dealer aus London zu ignorieren versuchte, die sich dreist unter die Menge mischten. Er war nicht im Dienst. Er würde nicht einschreiten. Schließlich hatte er Cherry versprochen, sich ihr Konzert anzuhören, und auch wenn sie es nicht zugeben würde, war ihm klar, dass sie sich ziemlich Sorgen machte, wie es beim Publikum ankommen würde. Wenn es ihm gelang, sie ein wenig zu beruhigen, war das die überteuerten Getränke und sein Unbehagen in der jugendlichen Menge schon wert.

Aus den Fenstern oben drangen die ersten Fetzen Musik, also zog Vega ein letztes Mal an seiner Zigarette und machte sich bereit, in die erzwungene Intimität des Grey Lady einzutauchen.

Er stieg gerade die schmale Treppe hoch, als er ein vertrautes Summen in seiner Brusttasche spürte. Eigentlich hatte er heute Abend nicht darauf reagieren wollen. Doch die Macht der Gewohnheit ließ ihn einen Blick auf die Nummer des Anrufers werfen, noch bevor er überhaupt realisiert hatte, dass er sein Handy aus der Tasche gezogen hatte.

MIT – Murder Investigation Team.

Nein. Nicht heute Abend. Er ließ es klingeln, bis der Anrufer zur Mailbox durchgestellt wurde. Trotzdem machte es ihn kribblig. Er war fast dankbar, dass der Anrufer es ein zweites Mal versuchte, noch ehe er den ersten Treppenabsatz erreicht hatte. Hinter ihm bildete sich bereits eine Schlange, sodass er unter gemurmelten Entschuldigungen wieder nach draußen trat. Er nahm den Anruf am schmiedeeisernen Geländer an, von dem man den Lower Walk überblicken konnte und wo es ein bisschen ruhiger war.

»DS Vega.«

»Abend, Rich. Hier ist Phil. Sorry, Kumpel. Ich weiß, dass du heute Abend nicht dran bist …«

»Was kann ich für dich tun?«

»DI Rosen hat einen verdächtigen Todesfall, gleich an der Romford Road. Sie bittet um das Vergnügen deiner Gesellschaft. Scheinbar bin ich ihr nicht gut genug. Frechheit, was?«

»Was soll ich sagen, Phil? Die Frau hat Geschmack. Davon mal abgesehen, hast du irgendeine Idee, warum sie …« In diesem Moment wurde Vega klar, warum seine Vorgesetzte ihn wollte statt des genauso fähigen DS Phil Llewellyn, der heute Bereitschaft hatte.

Gleich an der Romford Road …

»Sprichst du von Spine Wood, Phil?«

»Zufälligerweise ja, warum?«

Spine Wood, ein ungepflegtes Wäldchen, das an brachliegendes Weideland grenzte. Ein unscheinbarer Flecken der Grafschaft Kent, jedenfalls bis vor sechs Jahren, als er grausige Berühmtheit erlangt hatte. Vega kannte ihn nur zu gut.

Er verlagerte sein Gewicht und spürte, wie seine Füße in den glatten Schuhen rutschten, bis seine langsam kälter werdenden Zehen vorne anstießen.

»Hallo?«, hörte er Phil in seinem linken Ohr. »Bist du noch da, Rich?«

»Ja. Ja, ich mache mich gleich auf den Weg«, erklärte Vega. »Phil, alter Junge, was weißt du über das Opfer? Männlich, weiblich …«

»Jung, weiß, männlich.«

Um Gottes willen. Ein Déjà-vu der schlimmeren Sorte.

»Okay«, sagte er. »Gib Rosen Bescheid, dass ich bald da bin.«

»Mach ich. Und danke.«

»Klar. Kein Problem.«

Vega schaute noch einmal zurück zu der schmalen Treppe, die zum Grey Lady führte. Die Musik war gut für Cherrys Genesung, sie gab ihr einen Fokus. Das behauptete jedenfalls ihr Therapeut in seiner Wollstrickjacke.

Er schluckte seine Schuldgefühle herunter und machte sich auf den Weg. Er hatte ganz in der Nähe geparkt, in der Hoffnung, Cherry gleich nach Hause locken zu können, fort von den Versuchungen der obligatorischen After-Show-Party.

Sie würde heute Abend für sich selbst sorgen müssen.

Und er würde es wiedergutmachen, ein anderes Mal.

Detective Inspector Daria Rosen streckte Vega die Hand entgegen, kaum dass er ausgestiegen war. Bei dem knappen Händeschütteln konnte er durch die Wollhandschuhe hindurch ihre feinen Knochen und die kalte Haut spüren.

Rosen war lebhaft und engagiert, dennoch hielt sie stets ein Lächeln bereit. Sie konnte gut mit Leuten umgehen, vor allem mit den jüngeren Detectives. In einem anderen Leben hätte Vega sie sich als Direktorin einer angesehenen Mädchenschule vorstellen können. In diesem Leben hatte sie sich für die Toten entschieden, nicht für die Kinder. Heute Abend befürchtete er aber, dass es zu einer Überschneidung kommen würde.

»Danke fürs Kommen, Richard. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

»Es ist schlimm, oder?«

»Überhaupt nicht. Der Tatort ist ziemlich frisch und weitgehend unbeeinträchtigt. Ich bin optimistisch.«

Das hatte er nicht gemeint, aber er machte sich nicht die Mühe, sie zu korrigieren.

Sie befanden sich an einer schmalen Straße. Keine Laternen und zu beiden Seiten Wald. Polizeiwagen mit leise pulsierenden Blaulichtern sperrten die Straße in beide Richtungen ab.

Vega steckte seine Hände unter die Achseln, um sie vor der beißenden Kälte zu schützen. Die Nachtluft brannte in seinen Lungen, schien Rosen jedoch nicht das Geringste auszumachen.

»Also, wo ist der Tatort?«

»Die Böschung runter und dann ungefähr eine halbe Meile«, sagte sie. »Man muss ein bisschen klettern. Wir nähern uns aus dieser Richtung, um auf der Route, die der Täter wahrscheinlich genommen hat, keine Spuren zu verwischen.«

Nach einem Blick auf seine Schuhe runzelte sie die Stirn. »Hast du nichts Praktischeres dabei?«

»Nein …« Erst jetzt bemerkte Vega, dass Rosen Hunter-Gummistiefel über die Beine ihrer Anzughose gezogen hatte.

»Dann gehst du besser vor«, sagte sie. »Ich will nicht, dass du auf mich fällst.«

Vega ging mit seiner Vorgesetzten unter die Bäume am Waldsaum. Ihr Abstieg wurde durch totes Unterholz und das beinahe vertikale Gefälle der Böschung erschwert, doch irgendwer hatte die Idee gehabt, ein Abschleppseil um einen jungen Baum zu binden, sodass sie die Rutschpartie einigermaßen würdevoll bewerkstelligten.

»Du sagst, der Tatort ist noch frisch«, bemerkte er, als Rosen, die ihm geschickt gefolgt war, ihn auf einem Stück flacherem Gelände einholte. »Was schätzen wir, wie lange er schon hier liegt?«

»Ich will mich nicht festlegen, bevor Dr. Fleischer ihn sich angesehen hat, aber sicher nicht lange.« Aufrecht marschierte sie an der dunklen Linie der Bäume entlang auf das weiße Zelt der Spurensicherung zu. »Es gibt noch keine sichtbaren Zeichen der Verwesung, aber bei dieser Kälte …«

Bodennebel waberte über das Gras, und Vega fluchte, als er in einen Kaninchenbau trat. Zu spät warf Rosen ihm eine Taschenlampe zu. Eine junge Mitarbeiterin der Spurensicherung begrüßte sie und reichte ihnen das unerlässliche Outfit: blaue Handschuhe, weiße Anzüge, Überzüge für die Schuhe und eine Gesichtsmaske. Rosen tauschte ein paar Höflichkeitsfloskeln mit der Frau aus, während Vega sich schweigend umzog. Per Unterschrift bestätigten sie ihre Anwesenheit am Tatort, dann hielt die junge Frau ihnen die Zeltklappe auf und ließ sie gebückt eintreten.

Vega hielt sich die Hand vor die Augen. Nach der Dunkelheit draußen blendete ihn die Helligkeit im Zelt, und es dauerte einen Moment, bis seine Augen sich angepasst hatten. Die Leiche war auf den ersten Blick nicht zu sehen, da sich mehrere Forensiker über sie beugten. Während sie die Fasern und Staubkörnchen einsammelten, die später die Basis für eine Verurteilung bilden konnten, unterhielten sie sich mit ehrfürchtig gesenkten Stimmen.

Der Polizeifotograf trat zurück, um Platz für Vega zu machen, der sich nun einen ersten Eindruck verschaffen konnte.

Der Junge lag auf einer dunklen Schicht alten Laubs. Automatisch registrierte Vega die gekräuselten Farntriebe, die sich ihren Weg durch die gefrorenen Schichten hindurch suchten.

»Hallo«, sagte er leise, als er sich neben die Leiche hockte....

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